GEFÜHLSSCHULE
 
Auszug aus dem Buch das mir zu meiner Ausbildung als Grundlage dient:
Gefühle entdecken und achten - ein Übungsbuch von Dr. Klaus Blaser
Synergia Verlag
Die Übung: "WIE GEHT ES MIR JETZT, WELCHES GEFÜHL NEHME ICH IN DIESEM AUGENBLICK BEI MIR WAHR?"
DIESEM GEFÜHL, GANZ EGAL WIE ES SICH ANFÜHLT, STIMME ICH JETZT VOLL ZU, begleitet uns durch die Gefühlsschule.
 
Mein Leib als Sprachrohr
Gefühle vermitteln uns Informationen über den Zustand anderer Mitmenschen, über unsere Umwelt, unsere Grenze und über uns selbst.
Emotionales Gewahrsein wird auch "mentalisierte Gefühlsempfindung" genannt (Allen 2009) und fördert Veränderungen sowie einen adäquaten Umgang mit der aktuellen Situation. Unsere Gefühle helfen uns bei der Orientierung im Hier, also räumlich, gleichzeitig nehmen sie einen zeitlichen Bezug auf Vergangenes und Gegenwärtiges.
Aristoteles (384-322 vor Chr.) maß den Gefühlen eine grundlegende Bedeutung für ein gutes und zufriedenes Leben bei und glaubte auch, dass eine Gefühlsregulierung möglich sei. Dies im Gegensatz zu den Stoikern, die davon überzeugt waren, dass man Gefühle nicht unter Kontrolle bringen könne, und sogar glaubten, ganz im Gegensatz zu der in diesem Buch vertretenen Sichtweise, dass sie uns vom rechten Weg abbringen könnten. Die römisch-katholische Kirche teile diese Meinung und stand auch deswegen den Gefühlen und dem Körper feindlich gegenüber. Diese historische Entwicklung zeigt ihre Wirkung noch bis in die Gegenwart. Auch heute glauben viele noch, dass Gefühle sich unserer bemächtigen und wir mit Vernunft der Macht der Gefühle widerstehen können.
Die Frage nach der Gefühlsempfindung wird zur Frage nach unserem Aufmerksamkeits-standort, unserer Blickrichtung und Wahrnehmung des Selbst. Die Gefühlsempfindung sagt gleichzeitig Wichtiges aus über unsere Perzeption der Umwelt. Die bwusste Gewahr-werdung unserer Gefühle informiert uns über das In-der Welt-Sein, über das Im-Jetzt-Sein. Halten wir uns mit unserem Aufmerksamkeitsstandort im eigenen Innenraum auf, können wir unsere Gefühle beobachten. Mit Bewusstheit und ohne Ablenkung benennen wir zunächst die vor unserem inneren Auge in Erscheinung tretenden und leiblich spürbaren Gefühle. Wenn wir über unsere Gefühle nicht urteilen und ihnen zustimmen, sind wir in der Lage, ihre richtungsgebenden Hinweise zu lesen. Im Laufe unserer Erziehung haben wir sukzessive diese Fähigkeit vergessen. Dies geschah nicht, weil uns diese Kompetenz abhanden kam, sondern weil wir uns immer weniger in unserer Gefühlswelt aufhielten. Unsere westliche Kultur ist darauf ausgerichtet, aus uns Bewohner des öffentlichen Raums zu machen. Anstatt Einwohner unseres Selbst zu bleiben und ab und zu mit unserem Aufmerksamkeitsstandort einen Ausflug in den öffentlichen Ram zu unternehmen, werden wir zu Ansiedlern des zwischenmenschlichen Außenraumes. Diese Menschenwanderung hat zu einer Überbevölkerung des öffentlichen Raumes geführt und zu einer Verwahrlosung der individuellen seelischen Welten. Wenn wir uns die drei Bewusstseinsorte vergegenwärtigen, uns also räumlich orientieren, werden wir imstande sein, im Einklang mit der Innen- und Außenwelt, zu jedem Zeitpunkt einen angemessenen Standort zu wählen:
* In der Innenwelt spielen ganz andere Qualitäten für unser Wohlbefinden eine Rolle als in der Außenwelt. Durch achtsames Hinschauen können wir in der stillen Innenwelt unseren Reichtum sehen, den inneren Wachstum fördern und genießen und einen Ausgleich zum hektischen und lauten Außenweltdasein finden. In der psychisch-seelischen Welt angelangt können wir verlangsamen, zur Ruhe kommen, Gesehenes und Erfahrenes verinnerlichen und achtsam und mitfühlsam nach außen schauen. Der Blick von innen nach innen, die Interozeption, kann als Aufmerksamkeit und Fürsorge angesehen werden, die sich auf unser Selbst konzentriert (Siegel 2004).
Achtsamkeit könnte auch als die Fähigkeit beschrieben werden, uns zum Objekt unserer eigenen Aufmerksamkeit zu machen (Allen, 2009). Sie beruht auf der aktiven Identifizierug, Verarbeitung und Speicherung von Informationen über das Selbst (Segal, 2008).
* Verlassen wir mit unserer Aufmerksamkeit den psychisch-seelischen Raum und treten mit dem Aufmerksamkeitsstandort in die Außenwelt ein, verlieren wir den Kontakt zu unseren Gefühlen. Dieser Abbruch zu den eigenen Gefühlen wird auch Dissoziation genannt. Bei einem Trauma kann es zu einer Dissoziation kommen, die das Opfer durch den Kontaktverlust zu den eigenen Gefühlen vorübergehend vor sehr starken eigenen Emotionen schützt. Der Abstand zum Selbst kann über Jahre gleich bleiben. Auch die Unfähigkeit, auf das eigene Selbst aus der Ferne hinzuschauen, kann nahezu konstant sein (Blaser, 2011). Aus therapeutscher Sicht wird ein Blickrichtungswechsel auf das eigene Ich und anschließend eine vorsichtige Annäherung an die eigene Gefühlswelt sehr behutsam angestrebt. Jeder Aufmerksamkeitsstandort außerhalb des eigenen Innenraums ist mit Dissoziation verbunden. Ganz unabhängig von der Dauer des Aufenhaltes im Außenraum und der Distanz zur eigenen Gefühlswelt können wir also, wenn wir mit unserer Aufmerksamkeit uns außerhalb unseres psychisch-seelischen Raumes aufhalten, von einem dissoziativen Zustand sprechen. Da wir vom zwischen-menschlichen Raum aus das "Selbst" nicht von innen heraus wahrnehmen können, erhält der Körper oft eine andere Bedeutung. Dies kann sich auf ganz unterschiedliche Weise äußern. Von zwanghafter Fokussierung auf das Körpergewicht bei Essproblemen bis zu chronischen Schmerzbeschwerden mit unklarer organischer Ursache. Im Zwischenraum sind wir nicht imstande, auf unsere Gefühlswelt Bezug zu nehmen. Der Kontakt zu den Mitmenschen wird zweidimensional, es fehlt an emotionaler Tiefe. In einer partnerschaftlichen Beziehung kann diese auf die Dauer zu Oberflächlichkeit führen. Da in diesem Fall eine Begegnung mit dem Partner nur in der Außenwelt stattfindet, muss der Andere seine Innenwelt verlassen , will er mit seinem Parner zusammen kommen. 
* Zum Schluß können wir mit unserer Aufmerksamkseit auch den Innenraum eines Mitmenschen besuchen. Dort kommen wir seinen Gefühlen sehr nahe und können mit ihnen auch leiblich in Verbindung treten. Diese Befindlichkeit, die Einfühlung, wird "empathische Leiberfahrung" genannt.
Betrachten wir diese Unterschiedungen noch einmal anhand des Trauergefühls:
* Befinden wir uns mit unserer Aufmerksamkeit in unserer Innenwelt, so können wir dort mit ganz verschiedenen eigenen Trauergefählen Kontakt aufnehmen. Wir können si ezeitlcih einordnen und die Verbidung mit den dazugehörigen biografischen Erfahrungen herstellen. Wir können auch unterschieden, ob eine Trauer eventuell fremdplatziert ist, also irgendwann von irgendjemanden bei uns hinterlegt wurde.
* Wir können von unserer Innenwelt aus auch eine Trauer im Innenraum eines Mitmenschen wahrnehmen. Dann schwingen wir mit uns sind uns bewusst oder auch unbewusst im Klaren, das die empfundene Trauer nicht zu ns gehört. Diese Trauerresonanz ist also nochmals eine andere leibliche Trauermanifestation.
* Schauen wir von der Außenwelt aus auf eine eigene oder fremde Trauer, löst dies keine körperliche Reaktion aus. Die Trauer wird aufgrund einer Beschreibung oder eines Bildes erkannt und eventuell begründet oder erklärt.
* begegnen wir in der Gefühlswelt eines Mitmenschen seiner Trauer, nehmen wir sie empathisch leiblich wahr. Diese nicht zu uns gehörende Regung fühlt sich leiblich nahe und anders an als die vorher beschriebenen Trauerwahrnehmungen.
Unser Körper und unser Gehirn, das die Körpersignale aufnimmt und liest, sind zu dieser unglaublichen Differenzierung imstande.
Schon als ganz kleines Kind probieren wir die verschiedenen Standorte und Perspektiven aus, experimentieren mit unseren Wahrnehmungen, überprüfen sie, imitieren sie und eignen uns diese enorm komplizierte räumliche, zeitliche und soziale Orientierung an. Wir sehen uns um, kundschaften die zwischenmenschlichen Situationen aus, machen uns räumlich schlau und transformieren unsere momentanen Erkenntnisse und Einsichten in die Gefühls- und Körpersprache.
Wie wichtig diese Sprache ist, habe ich (Klaus Blaser) in diesem Buch deutlich zu machen versucht. Die vorgestellte Achtsamkeitsübung hilft uns mehrfach täglich, unsere Gefühlssprache bewusst zu nutzen. Sie hilft uns, diese urmenschlichen Qualitäten immer mehr wissentlich zu leben. Wir haben gesehen, wie wir unsere Feinfühligkeit schulen können und wie wir lernen können, leiblich zu empfinden. Wir haben gelernt, mehrere Wahrnehmungsqualitäten bewusst zu unterscheiden und damit eine subilte Sensibilität zu entwickeln.
Natürlich geht das nicht von einem Tag auf den andern. Wir brauchen viele Momente der Klarheit, um die beschriebenen Gefühlserfahrungen am eigenen Leib spüren zu können. Der Weg der Vervollkommnung ist reichhaltig und voller Überraschungen, auch wenn es manchmal langsamer vorwärts geht, als wir es uns wünschen. Doch jeder Schritt, den wir in der Gefühlsschule machen, wird uns Freude bereiten. Die Hausaufgaben werden zum inneren Abenteuer.
Je besser schlussendlich die leibliche Sprachfertigkeit und Sprachgewandtheit sein werden, desto zufriedener werden wir unser Leben und auch unsere Beziehungen gestalten können. Unser Leib ist ein Gefühlsgenie. Wenn ich diesen letzten Satz aufschreibe, fühle ich eine Leichtigkeit im Brustkorb, ein Lächeln auf meinen LIppen und ein freudig tanzendes Herz.
Mein Angebot:
innerhalb einer vertrauensvollen, musiktherapeutischen Beziehung können nach Absprache mit dem Patienten/der Patientin die Grundübung der Gefühlsschule gemeinsam geübt werden. Schwierige und /oder fremdplatzierte Gefühle können betrachtet werden. Bei Notwendigkeit begleite ich den Patienten/die Patientin behutsam zurück zu/ in Ihren Innenraum.
©Lucia Czech - 2020